KATIS KOPF-FREI-TOUREN MIT DIGGER

THE WOW Kati Jördels Kopf-Frei-Touren mit ihren Hund Digger
Kati Jördel lebt mit ihrem Mann Carsten, drei Teenie-Kids und zwei Hunden im Herzen von Ostwestfalen. Zu ihrem Mischlingsrüden Digger hat sie eine ganz besondere Beziehung: Digger ist Katis Seelentröster, Mutmacher und Arschtrittgeber.

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Liebe Kati, wir kennen uns seit Jugendtagen. Wie hat sich Dein Leben seit dieser Zeit verändert?

Ehrlich gesagt, radikal: Ich habe früh geheiratet und bin sehr jung Mutter geworden. Mein Sohn Janik kam 1998 während meiner Ausbildung zur Welt und im Jahr 2000 folgte Jonas. Ein Jahr später wurde Elisa geboren – mit einer seltenen, sehr schweren Nierenerkrankung. 2003 erkrankte sie auch noch an Krebs und verlor letzten Endes beide Nieren. Bei unzähligen Operationen, Tagen im Koma und schweren Rückschlägen war ich immer an ihrer Seite. Als Elisa endlich wieder nach Hause durfte, mussten wir trotzdem fünf bis sieben Mal pro Woche zur Dialyse in die Uniklinik Münster. Bis zur Nierentransplantation im Jahr 2005 waren wir quasi ständig im Krankenhaus – eine sehr belastende Situation für die ganze Familie. Die Jungs und mein Mann haben uns nur selten gesehen und unsere Paarbeziehung hat dieser Zerreißprobe nicht Stand halten können. Meine Jugendliebe und ich trennten uns. Doch dank der Unterstützung meiner Familie meisterten die Kids und ich die Situation recht gut.

2004 hatte ich das große Glück meinen jetzigen Mann Carsten kennenzulernen. Carsten schloss mich und die Kinder trotz der schwierigen Umstände schnell in sein Herz.

Das hört sich nach Happy-End an!

Ja, Carsten half, wo er konnte und unsere Liebe wuchs und festigte sich! Im Dezember 2005 haben wir geheiratet, im gleichen Jahr wurde Elisa erfolgreich transplantiert, wir bauten ein Haus und es kehrte immer mehr Ruhe ein.

Bis zum Mai 2014.

Stimmt, damals bekam ich schlimme Krämpfe in den Beinen und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Man schickte mich mit der Vermutung auf eine Multiple-Sklerose-Erkrankung von Arzt zu Arzt bis ein Gen-Test enthüllte: Ich habe ein Krankheitsbild, das noch nirgends auf der Welt in dieser Form diagnostiziert wurde. Also flapsig gesagt, bin ich Mutant – nur leider ohne Superkräfte.

Mittlerweile sitze im Rollstuhl, meine Blase, mein Darm und meine Lunge machen Probleme und es gibt gesundheitlich wenig schöne Aussichten. Deshalb ist es mir extrem wichtig im Hier und Jetzt zu leben und das Beste aus jedem einzelnen Tag zu machen!

Du schreibst ein digitales Tagebuch und hältst Deine Erlebnisse öffentlich fest.

»Ein Teil vom Ganzen« ist mein Facebook-Blog. Ich teile dort mein Leben, meine Geschichte und mein Lachen, denn meine wichtigste Devise lautet: »Wer aufhört zu lachen, hört auf zu leben.« Jedem kann in jeder Sekunde etwas passieren, mir wird es durch die Krankheit nur bewusster gemacht und täglich vor Augen geführt.

Meine Facebook-Seite hat Leser aller Altersgruppen, Männer, Frauen, mit Behinderungen und ohne – dass ich mit meiner Geschichte so viele Menschen erreichen kann, ist echt toll. Durch meine Seite treffe ich online und im realen Leben tolle Menschen und bekomme täglich Zuspruch – das stärkt und macht wahnsinnig Spaß!

Außerdem komme ich durch meinen Blog mittlerweile viel rum: Ich gebe Zeitungsinterviews, bin bei Radiosendern eingeladen und vor kurzem haben auch RTL und der WDR einen Bericht gebracht. Ziel ist es, immer Mut zu machen und Optimismus zu verbreiten.

Wie schaffst Du es denn trotz aller Rückschläge Optimistin zu bleiben?

Ihr gesunden Menschen nehmt jeden Tag als Fußgänger, Rad- oder Autofahrer am Verkehrsleben teil und dass, obwohl jeden Tag schwere und tödliche Unfälle passieren. So geht’s mir eigentlich auch: Ich weiß, dass ich krank bin und jederzeit etwas passieren kann, aber ich denke überwiegend an das, was ist und möchte noch viele schöne Momente erleben.

Das Einzige, was mich wirklich traurig macht, ist nicht mehr mit dem Auto fahren zu können. Dadurch ist viel Freiheit und Eigenständigkeit verloren gegangen. Aber alternativ mache ich jetzt täglich Ausflüge mit meinem E-Rolli und entdecke mit meinem Hund Digger die Welt.

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Stell‘ uns Digger doch mal vor!

Digger ist ein zwei Jahre alter Broholmer-Ridgeback-Mix. Er ist ein fröhlicher Kerl, der super gerne tobt bis die Staubwolken fliegen, bei den Mädels den Charmeur raushängen lässt und wahnsinnig achtsam ist. Wenn er mich anschaut, habe ich manchmal das Gefühl, dass mir eine Art »weise Seele« gegenübersitzt. Er nimmt jede Veränderung an mir wahr und wenn er mir tagsüber nicht von der Seite weicht, dann weiß ich, dass es mir am nächsten Tag körperlich nicht so gut gehen wird – das wittert er irgendwie. Digger ist ein toller, liebevoller und sehr intelligenter Teamplayer. Er lernt ganz schnell und obwohl er gerade mitten in der Pubertät steckt, akzeptiert er, dass ich – trotz so mancher Einschränkung – diejenige bin, die die Entscheidungen trifft. Ich bin wirklich dankbar, dass er mich ausgesucht hat und könnte mir keinen besseren Hund vorstellen – noch dazu ist Digger ein unglaublich schönes Tier!

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Er hat Dich ausgesucht?

Als unser Broholmer-Ridgeback-Mix Duke 2015 eingeschläfert werden musste, wollte Carsten, dass ein neuer Hund bei uns einzieht. Ich war jedoch unsicher, ob ich das mit Rolli und der Krankheit hinbekommen würde. Als dann aber ein Hundehof in Oldenburg Welpen der gleichen Mischung wie unser Duke bekam und wir hinfuhren um die Kleinen »nur mal anzuschauen«, war die Entscheidung klar. Schnell hatten wir ein Auge auf einen braunen Rüden geworfen, der unserem Duke sehr ähnlich sah.

Die Züchterin machte uns jedoch auf ein anderes Fellknäuel aufmerksam: »Da ist einer, der schon seit einer Stunde versucht, Katis Herz zu erobern. Eigentlich hat er Dich schon adoptiert!« Kurze Zeit später lag Digger dann glücklich und zufrieden auf meinem Schoß und es war um uns alle geschehen: Wir hatten unser neues Familienmitglied gefunden! Drei Wochen mussten wir noch warten, bevor wir ihn abholen konnten. Digger hat mich und uns dann aber gleich wiedererkannt und fühlte sich bei uns zu Hause sofort wohl. Diese enge Bindung war eigentlich von Anfang an da: Digger blieb immer in meiner Nähe, hörte gut und lernte schnell. Aber zugegeben, als er klein war hat er schon einiges kaputt gemacht: die Rückenlehne unseres Ledersofas, Schuhe und manches, was er noch so fand, fiel ihm zum Opfer.

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Von Anfang an, haben wir viel trainiert, besonders auch mit dem Rollstuhl. Hunde kennen keine Behinderung und ich kann kaum in Worte fassen, wie schön dieses Gefühl ist. Es ist mir eine Ehre, dass ein so tolles Tier wie Digger mir vertraut! Dank unserer Trainerin bekommen wir auch immer wieder tolle neue Ideen und wachsen als Team noch enger zusammen – das ist großartig!

Ihr habt ja auch noch einen zweiten Hund.

Unser zweiter Hund ist Lotte. Sie ist der Kinderhund, tröstet die Kids und ist ihre Komplizin. Lotte wohnte auf einem Bauernhof, auf dem meine Kinder im Zeltlager waren – der Bauer wollte die Kleine nicht und seit 2010 wohnt Lotte bei uns.

Hunde sind einfach ganz besonders und gehören zur Familie. Sie sind unglaubliche Persönlichkeiten, die Vertrauen schenken und lebenslang treu zur Seite stehen.

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Wie sieht denn euer Alltag aus?

Seit ich krank bin, hat sich unser Tagesablauf sehr verändert. Carsten geht arbeiten und schmeißt zusätzlich – zusammen mit den Kindern – unseren Haushalt. Einkaufen gehen wir oft gemeinsam und das Kochen ist danach mein Part.

Unser neues Haus ist im Erdgeschoss rolligerecht. Nach oben, in die erste Etage, komme ich leider nicht mehr. Das nutzen die Kids schamlos aus: »Aufräumen? Überflüssig, Mama!« Die Drei sind mittlerweile 18, 16 und 15 Jahre alt und werden langsam selbständig. Je nach Gesundheitszustand arbeite ich ehrenamtlich in der Hausaufgabenhilfe oder in einem inklusiven Jugendtreff – aber perspektivisch wird das immer schwieriger.

Vor allem aber bin ich ganz viel mit Digger zusammen. Er zerrt mich – egal wie es mir geht – nach draußen und hilft mir, nicht in Selbstmitleid zu versinken. Wenn es mir mal nicht so gut geht, stupst er mich an und motiviert mich. Ich bin mindestens Anderthalbstunden am Tag draußen – Kopf-Frei-Touren nenne ich diese Ausflüge. Sie helfen mir, mich zu sortieren und zu entspannen. Oft lernen Digger und ich unterwegs auch andere tolle Menschen und ihre Hunde kennen, das ist einfach schön.

Manch einer würde sagen: »Jetzt tut sie sich mit ihrer Krankheit auch noch den Stress mit zwei Hunden an.« Ist das nicht zu viel Arbeit?

Klar, ist das Arbeit, aber eine, die mich nach vorne bringt: Ich habe eine Aufgabe und dazu einen besten Freund – wir sind ein super Team. Meine Familie ist morgens unterwegs und hin und wieder bin ich natürlich auch mal traurig, wenn ich vom Arzt komme, meinen Mann, die Kinder oder die Dinge vermisse, die ich einfach nicht mehr kann. Digger muntert mich dann auf, ist immer da und liebt mich so, wie ich bin – bedingungslos und ohne Erwartungen. Auf unseren Touren realisiere ich, wie bunt und schön die Welt ist, nehme unterschiedliche Gerüche wahr und lebe viel bewusster.

Was würdest Du Digger fragen, wenn er antworten könnte?

1. Warum hast Du gerade mich und unsere Familie ausgesucht?
2. Was könnte ich anders machen, damit wir noch besser zusammen arbeiten?
3. Meer, Wald oder Wiesen, welches Ausflugsziel magst Du am liebsten?

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Schön wäre, wenn die Krankheiten Pause machen und mir einfach mehr Zeit schenken würde. Ein Traum wäre wieder selbständig mobil zu sein, Einladungen folgen zu können und zu reisen. Außerdem möchte ich möglichst viele menschliche Brücken bauen: Je mehr Leute sich mit Behinderungen auseinandersetzen, desto normaler wird das Zusammenleben. Unser Land braucht Respekt, Toleranz und Akzeptanz – dafür mache ich mich stark.

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Wenn auch ihr »ein Teil vom Ganzen« werden und Kati und Digger bei ihren Kopf-Frei-Touren sowie im Alltag folgen wollt, dann schaut bei Facebook und Instagram unter INSTAGRAM @Katis _Galaxy vorbei.

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© Interview: Sara Buschmann // Photocredits: Kati Jördel und Bianca Kraut Simon

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2 Comments

  • Reply
    Claudia
    10. April 2017 at 15:24

    Eine tolle Geschichte zu einem tollen Menschen. LG Claudia&Lady

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