Interview

NOTORIOUS VIKTORIA, CHUMMY CHUMA UND SPEEDY SPIKE SIND »DIE GANG«

Mit nur drei Beinen bahnte sich der Straßenhund Speedy Spike den langen Weg von einer türkischen Schutthalte bis nach Berlin. Wie er dort letztlich mit seiner Sturheit das Herz von Viktoria eroberte und welche Rolle die Hündin Chummy Chuma dabei spielt, erfahrt Ihr im Interview.
Außerdem gibt es spannende Einblicke in das Leben mit einem behinderten Hund – und welche Herausforderungen und Freunden dieses bereit hält!

Liebe Viktoria, wie bist Du auf den Hund gekommen?

Eine meine ersten Erfahrungen mit Hunden war im zarten Kindesalter von circa zwei oder drei Jahren. Unsere Familie traf sich an Wochenenden oft zu großen Abendessen. Wir Kids tobten rum, bis wir irgendwann auf den Schößen unserer Mütter einschliefen und den Gesprächen und dem Gelächter unserer Familie lauschten. Eines Abends war ein Cousin meiner Mutter mit seinem Bobtail dabei. Dieser grau-weiße Riese strahlte eine enorme Ruhe aus und zog mich geradezu magisch an.  Als ich nach dem Toben müde und erschöpft war, kuschelte ich mich an ihn heran und schlief ein – damit war es um mich geschehen.

Und nun also Deiner aktuellen »Gang«: Aus welchen Mitgliedern besteht sie?

Unsere »Gang« besteht aus dem dreibeinigen Husky-Kangal-Mischling Speedy Spike, der kleinen Rotanero-Bodeguero Mischlingshündin Chummy Chuma und meiner Wenigkeit.

Fangen wir mal mit Spike an: Wie war sein Lebenslauf bisher?

Speedy Spike ist erst knappe zwei Jahre alt, d.h. er hat in dieser kurzen Zeit bereits viel erlebt und erlitten, doch das ist ihm nicht anzumerken: Er wurde Anfang 2017 von einer Müllkippe in der Türkei gerettet. Bei seiner Rettung war er bereits ein Dreibeiner. Wir gehen davon aus, dass ihn ein gutherziger Mensch nach einem schlimmen Unfall zum Tierarzt brachte und dieser sein Bein sauber – allerdings mitsamt des kompletten Knochens – amputierte. Deshalb kann Speedy leider keine Prothese tragen. Das Trauma des verbliebenen Hinterlaufes (ausgekugelten Kniescheibe und Kreuzbandriss) wurde bei diesem Tierarztaufenthalt jedoch nicht behandelt, sodass er unten diesen Verletzungen bis vor kurzem noch litt.

Speedy wurde anscheinend nach seiner Ausheilung direkt wieder auf die Strasse bzw. die Müllkippe entlassen, wo ihn Tierschützer glücklicherweise aufsammelten und seinen Transport nach Deutschland ermöglichten. Hierzulande kam er in einer Pflegestelle bei den großherzigen Tierschützerinnen Tina und Jutta unter. Die beiden retten bzw. pflegen hauptsächlich Hunde aus Rumänien, Bulgarien und der Türkei.

Wie sehr hast Du Dir im Vorfeld Gedanken über das Leben mit einem behinderten Hund gemacht?

Ehrlich gesagt, gar keine. Zwei Wochen bevor ich zu den Tierschützerinnen nach Rudow fuhr, hatte ich auf Facebook ein Video über einen dreibeinigen Hund in Amerika gesehen. Die circa sechs Jahre alte Tochter der Familie antwortete auf die Frage hin, was ihr der Hund beigebracht hätte: »He taught me that happiness is a choice and that there is always something to be joyful about, no matter your circumstance.« (auf Deutsch: »Er lehrt mich, dass glücklich sein eine Wahl ist und dass es immer etwas gibt, worüber es sich zu freuen lohnt, egal wie unsere Umstände auch aussehen mögen.«) Ich war erstaunt darüber, solch eine Reife und Weisheit aus dem Mund einer Sechsjährigen zu hören. Diese dann auch noch auf einen Hund zurückführen zu können, hat mich begeistert.

Darüber hinaus beindruckte mich der Fakt, dass dieser behinderte Hund keinerlei Selbstmitleid empfand. Im Gegenteil! Er stürmte gut gelaunt und fröhlich auf seinen drei Beinchen herum und ließ sich von Nichts und Niemandem die Laune verderben. Das Ego ist bei Hunden völlig raus. Sie machen einfach weiter, ohne Depressionen, Geheule oder Fluchtversuche in Alkohol oder Drogen, ganz anders als der Mensch. Natürlich können Hunde aus einem Unfall ebenso traumatisiert hervorgehen wie Menschen, aber ihre Attitüde ist meist bemerkenswert und kann uns viel lehren.

Wie rückte Speedy in den Fokus Deiner Aufmerksamkeit?

Speedy war überhaupt nicht in meinem Fokus. Nach dem Ableben meines Hundes Chesters haderte ich eine Weile, bis ich mir eingestand, dass ein Leben ohne Hund für mich kein gutes Leben ist. Ich fing also langsam an Ausschau nach einem kleinen Hund zu halten, den ich überall mitnehmen kann. Auf meiner Internetsuche stieß ich auf den kleinen Tazy, der bei Jutta und Tina in Rudow in Pflege lebte. An einem heißen Sonntag im Juni fuhr ich dort hinaus, um mir den Kleinen anzuschauen. Dieser Besuch war einer der besten Tage des Jahres: Auf dem Hof wuselten rund zweiundzwanzig Hunde herum – überall Gebell, Gejaule und Aktion. Für mich ist das der Inbegriff von himmlisch!

Speedy war einer der ersten Hunde an meiner Seite. Seine Augen blickten mir direkt in die Seele, aber sie gehörten zu einem großen Hund (nein, das wollte ich nicht), der auch noch behindert war… Nein, das wollte ich nun ganz und gar nicht!

Ich wandte mich also ab und begutachtete den kleinen Tazy. Schnell wurde klar, dass wir nicht auf einer Wellenlänge waren. Nachdem ich eine Stunde lang noch auf dem Boden saß und Speedy während meiner Unterhaltung mit Tina streichelte, zog ich unverrichteter Dinge von Dannen. Allerdings ging mir Speedy in den kommenden Wochen trotz bester Bemühungen nicht aus dem Kopf! Stattdessen hallte immer wieder das Zitat des jungen Mädchens in meinem Kopf nach. Nach drei Wochen rief ich Tierschützerin Jutta an und fragte, ob ich Speedy auf eine Probewoche zu mir nehmen dürfte. Aus dieser Woche wurden Monate, in denen ich zu eruieren gesuchte, was wohl das Beste für den Großen sei. Nach vielen Abwägungen realisierte ich, dass er die Stadt liebt und ein Leben auf dem Land für ihn die reine Langeweile wäre. Insofern wurde klar: Speedy Spike bleibt!

Welche Voraussetzungen musstest Du dafür Deiner Meinung nach mitbringen?

Sagen wir es so: Wäre Speedys verbleibender Hinterlauf fit und gesund gewesen, dann wäre es keine große Umstellung gewesen. Weder für meinen Lebensstil, noch für meine Geldbörse. Wir leben in einer mittelgroßen Wohnung im fünften Stock und haben einen Lift im Haus insofern ist dahingehend alles im Lot.

Erst als wir realisierten, wie schlimm seine Beschwerden im verbliebenen Hinterlauf und welche Kosten mit deren Behebung verbunden waren, geriet ich ins Schwitzen. Die Behinderung selbst war dabei das kleinste Übel.

Viel wichtiger sind meines Erachtens die Wesenszüge der verschiedenen Hunderassen. Speedy Spike ist ein Huskie-Kangal-Mix. Diese Rassen sind nichts für leichte Gemüter oder Anfänger. Insofern musste ich mir einiges Wissen aneignen, viel Geduld und Know-How mit an den Start bringen, um sicherstellen zu können, dass aus uns ein harmonisches Rudel wird.

Wie ehrlich, hilfreich und nachhaltig zur Seite stehend ist der Tierschutz?

Die beiden Damen waren und sind bis heute der Fels in unserer Brandung. Ich bin ihnen ungemein dankbar, dass sie so geduldig mit mir waren und mir bis heute immer mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ich würde sogar sagen, dass aus Jutta und mir Freundinnen geworden sind.

Wie ist der Alltag mit Speedy Spike nun in der Realität?

Der Alltag mit Speedy ist wie mit jedem anderen Hund auch. Er muss drei bis viermal am Tag raus und genießt die Abenteuer und die vielen Menschen der Großstadt. Er ist sehr aufgeschlossen und liebevoll, begrüßt jeden, der einen freundlichen Eindruck macht und versucht sogar weinende Kinder zu trösten, die seinen Weg kreuzen. Lange Strecken machen wir mit dem Rolli, alle kürzeren geht er, dank der tollen Physiotherapie, inzwischen auch wieder so – mit einem geraden Rücken und einem durchgestreckten Bein. Das war vor der Operation ganz anders.

Gab oder gibt es gravierende Unterschiede zu Deiner Erwartung?

Ich hatte erwartet, dass die Behinderung die größte Herausforderung sei, jedoch waren es eher Speedys Wesenszüge, die mich bis an den Rand der Verzweiflung geführt haben:

Huskies und Kangals sind unabhängige Hunderassen. Sie können Menschen durch Schneestürme ziehen und an einen sicheren Ort bringen oder Schafe hüten, ohne jemals Anweisungen von einem Menschen zu erhalten. Mit diesen Hunden eine enge Verbindung aufzubauen, geht weit über die »normalen« Trainingsmaßnahmen hinaus, bzw. sind die meisten davon völlig unwirksam. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, helfen weder Leckerlies noch Druck. Speedy ist einfach unglaublich stur. Ochs und Esel sind  ein Witz dagegen. Ich brauchte einen langen Atem, Geduld und eine Sturheit, die die seine noch übertrifft. Anfangs vergoss ich viele Tränen. Menschen schienen keine sonderlich wichtige Rolle in Speedys Leben zu spielen, außer eben, wenn er gestreichelt werden wollte oder Ausschau nach Fressen hielt. Da er bis zu unserem Zusammentreffen aufgrund seiner Schmerzen nur rumlag und sich nur wenn nötig bewegte, war er eine wahre Herausforderung. Er musste alles von Anfang an lernen: Gassi, Tagesabläufe, Regeln etc.

Diverse Male musste ich ihn mehrere Blocks nach Hause tragen. Ich habe mir einige Muskelzerrungen und Rückenprobleme eingehandelt, bis er endlich schnallte, was er zu tun hatte.

Deshalb fiel auch unsere offizielle Probezeit ziemlich lang aus. Ich war mir einfach nicht sicher, ob das Stadtleben das Richtige für ihn sei, doch mit viel Liebe und Durchhaltevermögen, mit noch mehr Geduld und meiner eigenen Sturheit habe ich die Schlacht für uns gewinnen können. Nun ist er fest eingegliedert, kennt seine Rolle im Rudel und ist nur noch äußerst selten aufmüpfig.

Wie unterscheidet sich Spike in seinem Gemüt von einem ganz gesunden Hund?

Überraschenderweise erscheint er mir weitaus entspannter und gelassener als »normale« Hunde. Ich war davon ausgegangen, dass ein Hund mit solchen Erfahrungen vielleicht ängstlich, aggressiv oder skeptisch wäre, aber nichts davon ist der Fall. Speedy ist fröhlich, enorm stark und hat das Herz eines Löwen. Er ist liebevoll, warmherzig, lustig, humorvoll, charmant und höflich: geradezu ein wahrer Gentlemen. Jetzt gerate ich ins Schwärmen, aber tiefenentspannt, kinderlieb und enorm geduldig ist er auch noch – vor allem mit Chuma und mir. Wir beide sind eher hyperaktiv, da grummelt er schon mal freundlich vor sich hin. Speedy ist unser Ruhepol, der immer gut gelaunt an unserer Seite wacht und unsere Hysterie gern aufs Korn nimmt – mit reichlich Humor.

Ist Speedy ein Sommer- oder Winterhund? Bzw. was macht Ihr, wenn der erste Schnee fällt oder die Straßen vereist sind?

Da wir uns erst seit Juni kennen, kann ich dazu keine exakte Aussage treffen. Ich gehe aber davon aus, dass ihn sein dickes, dichtes Fell die kühlen Jahreszeiten präferieren lässt.

Wie vereinbarst Du die intensive Hundebetreuung mit Deinem Beruf?

Da ich selbstständig bin und von zu Hause aus arbeite, ist das kein Problem. Außerdem sind die beiden Hunde ja zu zweit, so dass ich problemlos mehrere Stunden weg- oder ausgehen kann, ohne mir Sorgen machen zu müssen. Die beiden verstehen sich prächtig, das erleichtert die Situation.

Was arbeitest Du genau?

Ich habe zwölf Jahre lang als Lifestyle PR-Beraterin gearbeitet und war davon die letzten Jahre selbstständig tätig. Allerdings wollte ich seit vielen Jahren ein Buch schreiben, dessen Idee ich schon lange mit mir rumgetragen hatte. Vor zwei Jahren habe ich dann den PR-Stöpsel gezogen, um dieses Verlangen endlich zu stillen. Aktuell bin ich in den letzten Zügen des Buches.

Letztes Jahr bekam ich dann einen überraschenden Anruf, der mich als Panel-Moderatorin auf die Bühne der German Comic Con katapultierte. Seither sehe ich keinen Weg zurück in die PR. Stattdessen mache ich nun den Wechsel in die Moderation. Da das anscheinend alles noch nicht genug war, habe ich 2017 für einige Weiterbildungsmaßnahmen genutzt. Darunter ein Schreibkurs, um die Arbeit am Buch zu erleichtern und zwei Buchhaltungskurse, um mein wirtschaftliches Know-How zu optimieren und meine weiteren Ideen auch in Eigenregie verwirklichen zu können.

Außerdem mache ich nun endlich meinen Führerschein. Dieser wird unser Rudelleben um einiges erleichtern. All meine Weiterbildungsmaßnahmen waren finanziell im Rahmen, doch als bekannt wurde, dass Speedy einen Rolli, eine OP, Medikamente und diverse Physiotherapiestunden benötigte, ging mein Popo auf Grundeis und die Kosten um mich herum explodierten nur so – Geld musste her.

Deshalb Crowdfunding: Wie bist Du auf die Idee gekommen? Und wie bist Du diese letztlich angegangen?

Anfangs hatte ich Vorbehalte. Immerhin war ich privilegiert genug, mir zwei Jahre Zeit für ein Buch und diverse Weiterbildungsmaßnahmen nehmen zu können. Als die Kosten aufgrund von Speedys Gesundheitszustand jedoch erschreckend schnell in die Höhe schossen, begannen die Sorgen und Ängste.

Ohne des starken Engagements der Türschützer/Innen, die schnell 600 Euro zusammen gesammelt hatten, hätte ich Speedy entweder abgeben müssen oder er hätte seine Schmerzen so lange ertragen müssen, bis ich die Kohle zusammen gekratzt hätte. Zu der Großherzigkeit und Initiative der Tierschützer/Innen kamen auch viele positive Stimmen aus unserer Nachbarschaft zusammen. Immer wieder werden wir angesprochen, ausgefragt und bekommen dann Unterstützung angeboten. Mir wollten einige Leute auch einfach so Geld in die Hand drücken, aber das kam mir komisch vor. Deshalb wählte ich den Weg der Crowdfunding-Kampagne. Da halte ich zwar auch die Hand auf, aber man kann den Menschen auch einen Einblick in Speedys Leben bieten, sie auf dem Laufenden halten und sie mit seinen Geschichten hoffentlich erheitern und so zumindest emotional etwas zurückgeben.

Erzähl mal etwas zu Spikes Rolli? Woher kommt der, wer hat ihn angefertigt, was kostet der?

Der Rolli kommt von der Firma Hundicap. Inhaber Johannes Kraus gibt die Rollis in Auftrag. Diese werden nach Maß angefertigt. Der Rolli besteht aus Aluminium. So bleibt er rostfrei und ist sehr leicht. Das Design ist gut durchdacht, sodass Stabilität gewährleistet ist. In Anbetracht von Berlins absurd hohen Bordsteinen ist dieses fabelhafte Design unabdinglich!

An den oberen Stangen ist Klettverschluss angebracht. Speedy selbst kommt in eine Matte, deren Rückseite ebenfalls mit Klettverschluss-Stoff vernäht ist. Er wird quasi mitsamt der Matte »eingeklettet«. Das sind zwei Handgriffe und los geht’s! Kostenpunkt 550 Euro.

Was musst Du mit Rolli-Spike draußen beachten? Kann er damit beispielsweise auch pieseln?

Ja, dank meiner – wenn auch etwas hässlichen – Bastelfähigkeiten, hat er in seiner Matte die entsprechenden Löcher, durch die er sein Geschäft verrichten kann.

Sein Name »Speedy« kommt übrigens nicht von ungefähr. Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, ist er schneller als die schnellste Maus von Mexiko. Seine neugewonnene Mobilität ermuntert ihn zu äußerst ungestümen Aktionen. Besonders an hohen Bordsteinen, Aufgängen und Treppen muss ich eine Hand am Rolli haben, ansonsten könnte er in seinem Eifer auch mal umkippen.

Auch beim Pieseln ist er sehr zielstrebig und ignoriert Pfeiler, Bäume oder sonstige Hindernisse, so dass man immer ein Auge auf ihn haben sollte, aber sonst ist er eigenständig und enorm wendig. Sobald er sich einmal erleichtert hat, nimmt er an Geschwindigkeit zu. Da muss man sich beeilen! Speedy hat immer viel vor: He is a dog on a mission!

Stört das Gestell bei anderen Hundebegegnungen?

Überhaupt nicht. Die Hunde können sich gegenseitig ohne jeglichen Einschränkungen beschnuppern und begrüßen. In den seltensten Fällen reagieren Hunde mit Angst und Bellen, aber das juckt ihn nicht weiter.

Begegnest Du auch Kritikern?

Meine Familie war nicht gerade begeistert. Auch mein ältester Freund hat sich nach einem Wochenende Hundesitten fassungslos geäußert und gesagt, er hätte Speedy am liebsten sofort zur Pflegestelle zurück gebracht. Speedy sieht sich als Chef, deshalb haben es Fremde und sogar auch Freunde sehr schwer von ihm als Rudelführer akzeptiert zu werden.

Ein Bauer aus Bayern sagte mal »Behindert und stur – wie sinnlos! Den solltest Du einschläfern lassen.«  Für ihn sind Tiere wohl eher Sachgüter bzw. Nutztiere, da haben die Speedys dieser Welt nichts verloren.

Ab und zu sehe ich auch abwertende Blicke, nach dem Motto »Das Vieh sollte gar nicht am Leben sein!« Bei einigen Menschen sitzen Hass und Verbitterung so tief, davon wird auch kein Hund verschont. Für diese Menschen kann man nur beten.

Hättest Du Dir evtl. vorher mehr Gedanken zum finanziellen Aufwand der Behandlung machen müssen?

Hätte ich gewusst, dass ein solcher Rattenschwanz am Speedy-Glückspaket dran hängt, hätte ich ihn wahrscheinlich gar nicht erst zu mir genommen, aber seien wir ehrlich: Ich ging damals von dem Hof mit der festen Überzeugung, dass ein behinderter Hund nicht in mein Leben passt – und das Leben hat mich eines Besseren belehrt. Wenn sich zwei Seelen finden, dann gibt es kein zurück. Stattdessen gehen wir gemeinsam vorwärts und bemühen uns, Wege zu finden.

Was tust Du, wenn Ihr das Geld nicht zusammenbekommt?

Das Gute an der von mir gewählten Crowdfunding-Plattform ist, dass man keinen Zielbetrag erreichen muss. Im Gegensatz zu anderen Plattformen bekomme ich die Spenden ausgezahlt die reinkommen – das ist für unsere Aktion ein super Prinzip.

Welche Rolle spielt denn der kleine Hund in Eurem Rudel? Und wie kam Chummy Chuma in Euer Leben?

Eine große Rolle: Chuma hält Speedy auf Trapp, sie ist sehr fröhlich und liebesbedürftig, schmiegt sich an ihn an, ob er will oder nicht. Inzwischen spielen die beiden fast drei Stunden am Tag miteinander. Bevor sie zu uns kam, hat er sich zu Hause absolut gar nicht bewegt. Natürlich lag das ein stückweit an der ausgekugelten Kniescheibe, dem gerissenen Kreuzband und den daraus resultierenden Schmerzen, aber seit er sich von seiner OP erholt hat, stachelt sie ihn an und sorgt für Bewegung. Das ist fantastisch!

Chuma kam übrigens während der Zeit in mein Leben, als ich versuchte mir Speedy aus dem Kopf zu schlagen und weiter nach einem kleinen Hund Ausschau hielt. Schnell wurde ich online bei einer Tierschutzorganisation auf Gran Canaria fündig. Der Bewerbungsweg war aufwendig, aber alles ging reibungslos über die Bühne: Ich bekam die Zusage, überwies das Geld und hatte mich ihr verpflichtet – obwohl ich sie nie getroffen hatte.

Knappe vier Wochen vor Chumas Ankunft – sie war noch zu jung, um früher auszureisen – holte ich Speedy probeweise zu mir. Und wie gesagt: Er blieb. So kam es, dass ich anstatt eines kleinen Vierbeiners, wie vorgesehen, nun zwei Hunde auf sieben Pfoten zu meinem Rudel zähle. Das Herz will, was das Herz will und ich bin sehr froh darüber. Die beiden sind ein wahres Traumpaar.

Würdest Du alles wieder so machen?

Ja, ohne mit der Wimper zu zucken!

Was wünschst Du Dir für Speedy Spike? Und für Euch alle?

Ich wünsche ihm, dass er trotz der Arthrose ein langes, gesundes und schmerzfreies Leben führen kann. Unserem gesamten Rudel wünsche ich Gesundheit, viele schöne Abenteuer und einen immer enger werdenden Zusammenhalt.

Warum bereichert ausgerechnet Speedy Dein Leben?

Es gibt einen Spruch, der besagt, man bekäme den Hund, den man verdient habe bzw. brauche. Hunde können einem sehr viel beibringen. Während mein verstorbener Hund Chester mein Selbstwertgefühl bestärkt hat und mir sogar das Singen beibrachte, reflektiert Speedy ganz andere Attribute meiner Persönlichkeit. Ich war mir zum Beispiel nie wirklich bewusst, wie stur ich sein kann und war immer der Ansicht, dass Sturheit eine schlechte Eigenschaft sei. Speedy hat mich allerdings gelehrt, dass eine gewisse Standhaftigkeit sehr hilfreich bei dem Erreichen meiner Ziele sein kann und dass es gut ist, in manchen Dingen unbeirrt weiterzumachen – nicht hirnlos und blind, aber mit Bedacht auf der Zielgeraden bleiben.

Ohne seine besagte Sturheit, die mich zwar mehr als einmal zur Weißglut gebracht hat, hätte Speedy bestimmt nicht überlebt. Er hat diesen unumstößlichen Willen, immer weiterzumachen und verfügt dabei über eine Gelassenheit und Ruhe, die mich sehr beeindruckt. Davor kann ich nur immer wieder meinen Hut ziehen.

Welche drei Fragen würdest Du Speedy Spike stellen, wenn er in Deiner Sprache antworten könnte?

1.     »Was waren Deine schönsten Begegnungen in der Türkei?«

2.     »Was kann ich tun, damit es Dir noch besser ergeht?«

3.     »Hast Du noch Phantom-Schmerzen und wenn ja, welches Mittel hilft Dir dagegen am besten?«

Wie lange läuft Eure Spendenaktion noch?

Die Kampagne kann so lange laufen, wie ich möchte. Da ich momentan in den letzten Zügen meiner Weiterbildungen bin und jede Menge Tests vor Weihnachten anstehen, werde ich mich erst Anfang des neuen Jahres wirklich um die Aktion kümmern können. Ich würde sie gerne so lange laufen lassen, bis die Spendensumme erreicht ist, da Speedys Gesundheitsprogramm ja immer noch in vollen Gängen ist und die Kosten aktuell weiter steigen.

Anderseits soll das alles nicht ewig gehen, da es auch ganz schön nervenaufreibend ist: »Ist Speedy gut in Szene gesetzt? Werde ich ihm gerecht? Können wir das schaffen? Was ist, wenn die Leute uns nicht mögen?« Bla, bla… Manchmal frage ich mich echt dumme Sachen aber sobald ich Speedy dann angucke, denke ich »Schau mal, der ist ganz entspannt, schneide Dir davon mal ein Scheibchen ab. Das wird schon..« und ping, dann kommt auf einmal wieder Geld rein oder jemand möchte uns für einen Blog interviewen oder der BARF Laden Van Loeper entscheidet sich, seine Einkünfte aus der Weihnachtslotterie an Speedy zu spenden. Für solche Initiativen und solches Interesse bin ich unglaublich dankbar, denn alleine ist das Alles nicht zu schaffen.

Speedys Gelassenheit und Zuversicht, seine gute Laune und seine Herzlichkeit machen das möglich. Er ist die Antriebskraft. Ich bin nur Zuschauer und freue mich über jegliche Unterstützungen – egal, ob finanzieller Natur oder seelisch moralisch.

Und wo kann man Euch sonst noch folgen?

Leider ist die Spendenseite nicht sehr gut aufgesetzt, so dass es medial nur begrenzte Möglichkeiten gibt. Insofern posten wir alle Updates auf der Facebook-Seite zur Aktion. Diese werde ich auch nach Ablauf der Spendenaktion in Betrieb halten, da mir der Einblick in das Leben eines behinderten Hundes sehr wichtig erscheint. Viele Menschen denken, dass solche Hunde mehr Arbeit oder Zuwendung benötigen, aber das ist nicht der Fall. Interessanter Weise ist das, was einem diese Hunde zurückgeben oder auch beibringen können, mehr als man sich vorstellen kann.

Was ist die häufigste Reaktion auf Speedy?

Fünfzehn Prozent: „Der hat aber schöne Augen!“ und fünfundachtzig Prozent: »Oh, der Arme!« Ich wünschte, die Leute würden uns jedes mal einen Euro zahlen, wenn sie das sagen. Dann wären wir finanziell schon lange aus dem Schneider!

Dieser Hund ist weder arm noch traurig, noch bemitleidenswert. Interesse, Empathie, Respekt, Anerkennung und Anteilnahme nehmen wir immer gerne an, aber bei Mitleid und Verhätschelung bin ich raus. Damit tut man ihm keinen Gefallen. Er ist kein Opfer.

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Das Schönste ist, wenn Kinder an Speedy interessiert sind. Sie sind offenherzig und empathisch. Ihnen Nahe zu bringen, dass ein Leben mit einer Behinderung kein schlechtes sein muss, ist mir immer das Schönste. Vor allem, wenn ich beim Weggehen höre wie sie ihren Freunden erzählen, was sie alles gerade gehört haben. Kinder betreiben die beste Mund-zu-Mund-Propaganda. Toleranz, Offenheit und Respekt – darum geht es doch und das vermittelt Speedy mit Leichtigkeit.

Lieben Dank, Viktoria, wir werden Eure Aktion auf jeden Fall weiter verfolgen und wünschen Eurer lustigen Gang alles Gute für die Zukunft! Und halte uns auf dem Laufenden, was Dein Buch angeht – wir sind gespannt, um was es geht!
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© Interview: Sara Buschmann // Photocredits: Stephane Lelarge und Viktoria Steinmeyer

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2 Comments

  • Reply
    V. Steinmeyer
    6. Dezember 2017 at 19:51

    Vielen Dank, liebe Sara. Das Interview ist sehr schön geworden. Dein Geschmacl besticht!

  • Reply
    V. Steinmeyer
    6. Dezember 2017 at 19:52

    Vielen Dank, liebe Sara. Das Interview ist sehr schön geworden. Dein Geschmack besticht!

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