Interview

RUDELFÜHRERIN IM DREILÄNDERECK – TIERPSYCHOLOGIN JANA MIT HÜNDIN HILDE

THE WOW Jana Neikes Rudelführerin bei Freischnauze im Dreiländereck
Jana Neikes hat 2012 in Aachen die Hundetagesstätte »FreiSchnauze« eröffnet. Täglich betreut die 35-jährige dort gemeinsam mit ihrer Freundin und Geschäftspartnerin Verena Kerkhoffs bis zu 20 Hunde – vom Chihuahua bis zum Wolfshund ist jeder Vierbeiner willkommen!

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Liebe Jana, gab es für dich jemals eine andere Option als beruflich »etwas mit Tieren« zu machen?

Ich bin mit vielen Tieren auf einem Gutshof aufgewachsen. Wir hatten Mäuse, Kaninchen, Meerschweinchen, Katzen und Hunde – später auch noch ein Pferd und ein Schwein. Ursprünglich wollte ich Tierärztin werden. Nach Praktika in Tierarztpraxen, in Kliniken und beim Pferdezahnarzt habe ich mich jedoch entschlossen nicht Medizin, sondern vielmehr das Verhalten der Tiere studieren zu wollen: Ich habe dann eine Ausbildung zur Tierarzthelferin absolviert und gleichzeitig Hunde- und Pferdepsychologie in Form eines Fernstudiums an der ATN Akademie in der Schweiz studiert. Und das Gute: Man lernt nie aus!

Wie kam es zu der Idee einer eigenen Huta, also einer Hundetagesstätte?

Ich habe einige Jahre in Berlin gelebt und dort auch als Hundepsychologin gearbeitet. In Berlin ist ja vieles möglich und es werden oft Trends gesetzt. Schon früh gab es neben Gassiservices in der Hauptstadt auch Hundehotels und Hundetagesstätten – die Idee fand ich toll. Eine meiner engsten Freundinnen aus Kindertagen hatte damals einen Gasssiservice in meiner Heimatstadt Aachen, meine Mutter betreibt einen Hundefriseur. Beide sahen in Aachen noch großen Bedarf an Tagesbetreuungen für Hunde. Sukzessive wuchs so die Idee ins Dreiländereck zurückzukehren und eine Huta zu gründen: 2012 haben wir mit »FreiSchnauze« Eröffnung gefeiert!

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Findest Du es gerechtfertigt wie viel Aufwand Menschen heute betreiben, um einen eigenen Hund halten zu können?

Ja, schon. Für mich sind Hunde Familienmitglieder und solange sie artgerecht gehalten werden, finde ich es völlig in Ordnung. Man kann heute beispielsweise alleine Leben, in Vollzeit arbeiten gehen und trotzdem einem Hund gerecht werden: Die Vierbeiner haben Auslauf und spielen mit Artgenossen, abends und am Wochenende kann der Mensch dann die freie Zeit mit dem Hund genießen – ganz ohne schlechtes Gewissen. Und übrigens: Hunde, die im Rudel leben, lernen ein hervorragendes Sozialverhalten, sind selbstbewusst und ausgeglichen.

Wie funktioniert Dein Geschäftsmodell genau?

Eigentlich ganz ähnlich wie ein Kindergarten. Der einzige Unterschied ist, dass die Tiere je nach Bedarf gebracht und abgeholt werden können: Es gibt Tages- und Halbtages-Hunde, manche kommen ein- bis zweimal die Woche, andere fünf Tage durchgängig zu uns. Wir haben ein großes Grundstück in einem Industriegebiet – zentral gelegen und ohne Nachbarn, die sich gestört fühlen könnten. Die Hunde werden im Rudel gehalten. Sie spielen, schlafen und kuscheln alle gemeinsam – egal ob groß oder klein, ob Rassehund oder Mischling, ob Rentner oder Junghund. Einzige Voraussetzung: Eine Verträglichkeit mit Artgenossen muss gegeben sein. In der Regel gibt es einen Probetag, an dem beide Seiten ausprobieren können, ob Hund und Huta zueinander passen.
Unsere Hunde zahlen für eine Tagesbetreuung 20 Euro. Der halbe Tag kostet 14 Euro. Es gibt auch Fünfer- und Zehnerkarten – je nach Bedarf. Um den Überblick zu behalten, tragen wir immer alle unsere Gäste auf eine Holztafel ein, so können wir abgleichen, wer wann, wie und wie lange kommt.

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Gibt es Zusatzleistungen die Du anbietest?

Zusätzlich zur Huta, die ich ja als GbR mit meiner Freundin Verena betreibe, biete ich mit Fellgeflüster auch Hundetraining an. In der Regel sind es Einzelstunden, in denen ich sehr intensiv mit Hund und Herr- oder Frauchen arbeite. Sämtliche Themen und Fragen rund um den Hund können besprochen und behandelt werden: klassische Erziehungsfragen beispielsweise, aber auch Angst- und Aggressionsverhalten. Viele Probleme des Halters mit dem Hund beruhen auf fehlender Sozialisation oder fehlendem Kontakt mit Artgenossen. Oftmals ist dann die Kombination aus konzentriertem Einzeltraining und dem Besuch der Huta sinnvoll. Auch Welpenkurse biete ich an. Auf unserem Gelände kommen die Kleinen dann gleich auch mit erwachsenen Tieren in Kontakt und werden von Anfang an gut sozialisiert.

Wie sieht ein typischer Huta-Tag aus?

Die rund 20 Hunde trudeln zwischen 8 und 10 Uhr bei »Freischnauze« ein. Sie spielen zusammen, schnüffeln und toben. Es gibt aber auch klare Regeln die befolgt werden müssen: Ständiges Bellen und Buddeln sind tabu. Die Hunde müssen gehorsam und abrufbar sein. In einer Huta kommt es schnell zu Mobbing-Situationen und wenn zwei sich streiten, dann mischen sich dritte und vierte gerne ein… Es wird also nicht langweilig – weder für uns, noch für die Tiere. Wir animieren zum Spiel, kuscheln mit den Hunden, sind aber auch ganz klar Rudelführer: Was wir sagen ist Gesetz! Es soll jedem Hund gut gehen und jeder soll sich wohlfühlen, darauf achten wir. So gibt es zum Beispiel viele gemütliche Plätzchen: im Schatten, in der Sonne, drinnen, draußen. Im Winter haben wir sogar einen Ofen – der Platz davor ist sehr begehrt.

Abholungszeiten sind zwischen 12 und 14 bzw. zwischen 16 und 18 Uhr.

Hast du Lieblingshunde oder sind alle gleich?

Ja, es gibt Lieblinge. Hunde, die schon lange zu uns kommen oder auch die, die bei uns aufgewachsen sind. Wir nehmen nämlich Welpen bereits ab einem Alter von drei Monaten in der Tagesbetreuung auf. Auch Hunde, die sich völlig auf mich einschießen, stehen mir besonders nah. Sam zum Beispiel, der hat nur Augen für mich und heult verzweifelt, wenn er mich sieht – das ist wirklich herzerweichend!

Würdest Du sagen, Du hast mit der Eröffnung von »FreiSchnauze« Deinen Traumjob gefunden?

Ja, schon, am besten aber nur im Sommer. Im Herbst beginnt die schlechte Jahreszeit, das ist manchmal ganz schön hart.

Was würdest Du anderen Hundeliebhabern empfehlen, die ebenfalls über die Eröffnung einer Huta nachdenken?

Ein fundiertes Hundeverständnis setzte ich an dieser Stelle natürlich einfach mal voraus. Ansonsten: Recherche, Recherche, Recherche – das Sammeln sämtlicher Informationen ist essentiell. Es müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, um einen Hundeplatz zu betreiben zu dürfen und es werden Prüfungen verlangt. So muss es beispielsweise einen Quarantäneraum geben, die Anzahl der Tiere pro Quadratmeter ist begrenzt und das Tierschutzgesetzt verlangt Sachkundenachweise.

Gleichzeitig gibt es aber auch Fördermittel und Unterstützung für Existenzgründer durch Ämter und Behörden. Uns hat außerdem die Erstellung eines Businessplans geholfen. Den braucht man übrigens sowieso, wenn man Geld von einer Bank leihen möchte. Ein Praktikum in einer anderen Huta ist auch von Vorteil: 20 Hunde zu betreuen, bedeutet harte Arbeit und erfordert körperliche Fitness, das sollte jedem bewusst sein.

Noch ein kleiner Tipp: Richtige Kleidung ist wichtig, denn wir sind bei Wind und Wetter an der frischen Luft!

Woran erkennt man eine gute Hundebetreuung?

In erster Linie daran, dass der eigene Hund gerne hingeht und dass er ausgeglichen und zufrieden nach Hause kommt. Außerdem sollte man sich über die Qualifikation der Mitarbeiter informieren. Ein guter Indikator ist auch, ob es die Möglichkeit gibt im Alltagsgeschehen eine Besichtigung machen zu können.

Bleibt bei so viel Hundekontakt Zeit für einen eigenen Vierbeiner?

Na klar, dafür ist mein Job doch ideal! Mein Hund muss mich eben nur tagsüber mit vielen anderen Artgenossen teilen. Das ist aber gar nicht schlecht, denn Hunde sollten generell nicht eifersüchtig sein – das ist, ebenso wie bei Menschen, einfach nicht gesund.

Wie lebst Du außerhalb der Huta?

Ich lebe mit meinem Freund Aleks in einem Altbau in der Aachener City. Bei uns lebt meine Hündin Hilde und Aleks Kater Herr Suri. Manchmal fragt man sich, wer Hund und wer Kater ist, denn Herr Suri ist extrem abenteuerlustig möchte spielen, rennen und jagen, während Hilde zu Hause einfach nur schlafen möchte. Sie hat ja tagsüber Action.

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Hilde ist ein Malteser-Mix und mittlerweile ungefähr zwölf Jahre alt. Ich habe 2013 ehrenamtlich im Aachener Tierheim gearbeitet und Hilde war ein sehr schwieriger Fall dort. Sie sei unverträglich mit Artgenossen hieß es. Sie wurde beschlagnahmt und lebte vorher acht Jahre lang nur innen. Dementsprechend kannte sie nichts. Ich wollte sie in Pflege nehmen, bis sie weitervermittelt würde, doch dann ist sie einfach geblieben – damals noch als Zweithund zu meinem Boxerrüden Oscar, der leider mittlerweile verstorben ist.

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Heute versteht Hilde sich prächtig mit allen Hunden, das freut mich sehr und zeigt mal wieder, dass es nahezu keine hoffnungslosen Fälle gibt.

Welche fünf grundlegenden Tipps hältst du für Hundehalter bereit?

1. Nehme den Hund bei dir auf, der gut zu deinem Lebensstil passt. Adoptiere beispielsweise keinen flachschnäuzigen Mops, wenn du gerne mit dem Hund joggen gehen möchtest.
2. Sei dir sicher, dass du genug Zeit für Dein Tier hast.
3. Halte den Hund artgerecht, gehe auf seine Bedürfnisse ein, lasse ihn Tier sein, investiere aber auch in eine gute Erziehung.
4. Sei immer konsequent.
5. Hab Spaß mit Deinem vierbeinigen Freund.

Zu Deinem Hund Oscar, hattest Du ja ein sehr enges Verhältnis. Er war ein toller Hund und hat auch meiner Pudel-Mix-Dame Mini sehr viel beigebracht. Wie bist Du mit seinem Tod umgegangen?

Da gibt es leider keinen Ratschlag. Jeder trauert anders. Für mich war Oscar einzigartig, ich habe elf sehr spannende Jahre mit ihm geteilt. Er war mein ständiger Begleiter, bester Freund und fehlt mir heute immer noch sehr. Ich denke, das wird er auch immer tun!

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Danke, liebe Jana, für diese spannende Einblicke!
Wer Lust hat das Huta-Leben in Aachen zu verfolgen,
kann das gerne via Facebook/FreiSchnauze tun.
© Interview: Sara Buschmann | Photocredits: Jana Neikes, FreiSchnauze

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1 Comment

  • Reply
    EIN SCHREIBTISCH IN EUROPA – AUF GROSSER REISE MIT RÜPEL ROCCO - THE WOW
    6. Februar 2017 at 22:47

    […] zu verarzten und eine gut gepackte Reiseapotheke. Diesbezüglich hatte ich mit mit meiner Freundin Jana, die ja auch Tierarzthelferin ist, eine sehr gute Beraterin. Die größte Herausforderung waren die […]

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